Von monographischer zu editorischer Zeichnung

Während mein frühes zeichnerisches und druckgrafisches Werk im Kontakt mit der Welt der Dinge eher monographisch angelegt ist, befindet sich meine Arbeit derzeit in einem Übergang zu einer vermehrt editorischen und damit kontextorientierten Arbeitsweise. In den so entstehenden grafischen Arbeiten geht es daher nur bedingt um die subjektive Interpretation der gegenständlichen Welt, In den Vordergrund rückt das Verständnis von Zeichnungen und Druckgrafiken, die sich selbst als Objekte innerhalb der sinnlich erfahrbaren Welt zeigen: Seit der Arbeit an dem Zyklus Munch--> Jenssen--> Hennenkemper--> history unchained von 2016-2017 übernehme ich (historische) Vorlagen als Ausgangsmaterial für meine Arbeiten. Diese Vorlagen werden weniger von mir als Objekte neu geschrieben und aufgezeichnet. Ich behandle diese fremden Zeichnungen als Ruinen einer historischen Konstellation, die ich im Prozess meines Zeichnens dekonstruiere und von innen neu aufbaue.

MUNCH--> JENSSEN -->HENNENKEMPER--> 

history unchained

Ausgangspunkt für die Serie der Bleistiftzeichnungen mit dem Titel Munch --> Jenssen --> Hennenkemper--> war ein Stipendienaufenthalt im Sommer 2012 im Edvard-Munch-Haus Warnemünde. Zu dieser Zeit hing dort eine Ausstellung des norwegischen Künstlers Olav Christopher Jenssen mit Umrisszeichnungen von Alltagsgegenständen Edvard Munchs aus dessen Haus in Åsgaardstrand (Norwegen), die Jennssen dort 2011 gezeichnet hatte. 

Die Identität der dargestellten Objekte bleibt in Jenssens Zeichnungen zum Teil uneindeutig und rätselhaft. Dennoch bezeugen sie scheinbar intime Einblicke in die Alltagsrealität Munchs. Die Zeichnungen gehen einem materiellem Wissen um Munch nach und sind zugleich im Staunen verhaftet. Mein Interesse richtete sich dort auf Jenssens Zeichnungen, wo diese einerseits also historische Dokumentation, andererseits persönliche Aufzeichnung von Geschichte zu sein scheinen. 

Olav Christopher Jenssen, Journal Vol. 3, 
Verlag Kleinheinrich 2011


Seite aus Olav Christopher Jenssen, Journal Vol. 3,  Verlag Kleinheinrich 2011


Seite aus Olav Christopher Jenssen, Journal Vol. 3,  Verlag Kleinheinrich 2011


 

2016/17 begann ich, Jenssens Umrisszeichnungen direkt aus dessen Katalog heraus gespiegelt auf mein eigenes Zeichenblatt zu übertragen. Anschließend füllte ich diese Übertragungen entlang der vorgegebenen Konturen mit Bleistifttexturen plastisch aus. Wie Archivmaterial werden die auf diese Weise entstandenen Objektzeichnungen einzeln und unter Glas in langen Regalreihen aufgestellt. Die Zeichnungen tasten – wie die Jenssens – nach Bezeugungen einer materiell fixierten Vergangenheit. Ihre Re-Präsentationen rudimentär überlieferter historischer Artefakte verweisen jedoch vor allem auf die Zeichnung selbst als zu jeder Zeit zutiefst persönliche Form der Aufzeichnung, die immer auch -...und vor allem... - Zeugnis ihrer eigenen Zeitgenossenschaft ist. 

links: Zeichnung Olav Christopher Jenssens, abgebildet in dessen Katalog >Journal Vol. 3< 

rechts: meine Zeichnung, nach der gespiegelten Vorlage der Umrisszeichnung Jens sens, 2017, Bunt- und Bleistifte auf Papier, 29,7 x 21 cm
unten: Ausstellungsansicht, Re-privat, Galerie Pankow, Berlin 2017

oben / unten: Arbeiten aus der Serie Munch-> Jenssen-> Hennenkemper->, 
je o.T., 2016-2017, Bleistifte auf Papier, 29,7 x 21 cm

links: am Stand, Warnemünde 2014

oben: Ausstellungsansicht Re-privat, Galerie Pankow 2017,Video "appearrence" zu Munch -> Jenssen -> Hennenkemper-> history unchained, Licht und Schatten auf einem gerade in Arbeit befindlichen Zeichenblatt zur Serie. (Video: J. Szymczak, H. Hennenkemper) 

unten: Stills aus dem Video „appearance“