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TIME OUT -
Naturgeschichte/ Geschichte
nach der Natur


Bleistift-Zeichnungen nach naturhistorischen Grafiken aus
Martin Lister's Historiae conchyliorum von 1685

MUNCH--> JENSSEN -->HENNENKEMPER--> 

history unchained 

TRANSLATING TIME -
Naturgeschichte/ Geschichte
nach der Natur

Das Arbeiten mit Bildvorlagensammlungen -

von monographischer zu editorischer Zeichnung


Während mein frühes zeichnerisches und druckgrafisches Werk im Kontakt mit der Welt der Dinge eher monographisch angelegt ist, befindet sich meine Arbeit derzeit in einem Übergang zu einer vermehrt editorischen und damit kontextorientierten Arbeitsweise. 

In den Vordergrund rückt das Verständnis von Zeichnungen und Druckgrafiken, die sich selbst als Objekte innerhalb der sinnlich erfahrbaren Welt zeigen:  Seit der Arbeit an dem Zyklus Munch--> Jenssen--> Hennenkemper--> history unchained von 2016-2017 übernehme ich immer öfter (historische) Vorlagen als Ausgangsmaterial für meine Arbeiten. 

Ich behandle die fremden Grafiken/ Bildvorlagen als Ruinen einer historischen Konstellation, die ich im Prozess meines Zeichnens dekonstruiere und von innen neu aufbaue. 

Naturhistorische Grafiken nach M. Lister

Martin Lister (1639 - 1712) war ein englischer Arzt und Naturforscher. Von ihm stammt die erste  systematische Publikation über Muscheln. In seinem Werk „Historiae Conchyliorum“ widmete er sich insbesondere der Conchologie.
Conchologie ist ein Aspekt der Malakologie, dem Studium der Weichtiere, wobei sich die Conchologie allein auf die Untersuchung der Schalen von Weichtieren beschränkt.  

Das Werk beinhaltet 1062 Abbildungen (Kupferstiche) von Schalen, die Lister’s Töchter - Susanna und Anna Lister - für das Werk ihres Vaters angefertigt haben.

Die Historiae Conchyliorum gilt inzwischen als ein Musterbeispiel dafür, wie zu jener Zeit Naturgeschichte in den Wissenschaften verstanden und aufgezeichnet/ wie sie abgebildet wurde. Die Grafiken sind aus heutiger Perspektive also nicht nur naturgeschichtliche Darstellungen sondern  Darstellung eines Denkens und Begreifens von Naturgeschichte in Abbildungen.


Die Künstlerin begann, die historischen Stiche in die gebundene Flächigkeit und Nuancierung feiner Bleistifttexturen zu übersetzen. Die Übersetzungstätigkeit war dabei eine doppelte: Zum einen übertrug sie die Vorlagen aus dem einen Medium in ein anderes, zum anderen entfaltete sie die Grafiken in ihre und unsere Gegenwart. Indem Hennenkemper die Grafiken beim Zeichnen quasi einem emotionalen Belichtungsvorgang unterzog, (ver)zeichnete sie wahrscheinlich weniger das, was vor ihr, als das, was bereits hinter ihr lag, was sie in ihrer Welterfahrung nachhaltig beeinflusst und prägt.

oben und links:  
Stiche aus der „Historiae Conchyliorum“ von Susanna und Anna Lister in: Martini Lister, 1685, Historiae conchyliorum, Vol. 1

Die Conchologie wird heute manchmal als archaische Studie angesehen, da es irreführend sein kann , sich nur auf einen Aspekt der Morphologie eines Organismus zu stützen. Eine Muschel gibt jedoch oft zumindest einen Einblick in die Taxonomie der Weichtiere. 


Das Zeichnen von Schalen und Gehäusen wird in den Arbeiten Hennenkempers zur Suche nach Körperlichkeit, nach einem Verhältnis von Innen und Außen, zur Auseinandersetzung mit Emotionen und Projektionen - eine zeichnerische Notation des eigenen Kosmos entlang der Darstellungen eines ganz fremden, historischen Kosmosses. Die Abweichungen, die in der Spanne des Übersetzungsvorganges dabei stattfinden, markieren eben die historische Kontingenz, die Hennenkempers Zeichnungs-Reihe auf oft ausgesprochen sinnliche Weise vorführen.“


oben: o.T., 2020,  Bleistifte auf Papier, 18 x 29,5 cm

rechts: o.T., 2019, Bleistifte auf Papier, 21 x 14,8 cm
unten: o.T., 2020,  Bleistifte auf Papier, 21,7 x 27 cm

oben links: o.T., 2020, Bleistifte auf Papier, 11 x 16 cm  
oben rechts: o.T., 2020,  Bleistifte auf Papier, 21 x 29,5 cm

unten links: o.T., 2020, Bleistifte auf Papier, 18 x 12 cm 
unten rechts: o.T., 2020,  Bleistifte auf Papier, 28 x 21,7 cm 

...work in progress....

MUNCH--> JENSSEN -->HENNENKEMPER--> 
history unchained 

MUNCH--> JENSSEN -->HENNENKEMPER--> 

history unchained

Ausgangspunkt für die Serie der Bleistiftzeichnungen mit dem Titel Munch --> Jenssen --> Hennenkemper--> war ein Stipendienaufenthalt im Sommer 2012 im Edvard-Munch-Haus Warnemünde. Zu dieser Zeit hing dort eine Ausstellung des norwegischen Künstlers Olav Christopher Jenssen mit Umrisszeichnungen von Alltagsgegenständen Edvard Munchs aus dessen Haus in Åsgaardstrand (Norwegen), die Jennssen dort 2011 gezeichnet hatte. 

Die Identität der dargestellten Objekte bleibt in Jenssens Zeichnungen zum Teil uneindeutig und rätselhaft. Dennoch bezeugen sie scheinbar intime Einblicke in die Alltagsrealität Munchs. Die Zeichnungen gehen einem materiellem Wissen um Munch nach und sind zugleich im Staunen verhaftet. Mein Interesse richtete sich dort auf Jenssens Zeichnungen, wo diese einerseits also historische Dokumentation, andererseits persönliche Aufzeichnung von Geschichte zu sein scheinen.

oben: Ausstellungsansicht, Re-privat, Galerie Pankow, Berlin 2017
rechts: Edvard-Munch-Haus, Warnemünde 

Olav Christopher Jenssen, Journal Vol. 3, 
Verlag Kleinheinrich 2011


Seite aus Olav Christopher Jenssen, Journal Vol. 3,  Verlag Kleinheinrich 2011


Seite aus Olav Christopher Jenssen, Journal Vol. 3,  Verlag Kleinheinrich 2011


 

2016/17 begann ich, Jenssens Umrisszeichnungen direkt aus dessen Katalog heraus gespiegelt auf mein eigenes Zeichenblatt zu übertragen. Anschließend füllte ich diese Übertragungen entlang der vorgegebenen Konturen mit Bleistifttexturen plastisch aus. Wie Archivmaterial werden die auf diese Weise entstandenen Objektzeichnungen einzeln und unter Glas in langen Regalreihen aufgestellt. Die Zeichnungen tasten – wie die Jenssens – nach Bezeugungen einer materiell fixierten Vergangenheit. Ihre Re-Präsentationen rudimentär überlieferter historischer Artefakte verweisen jedoch vor allem auf die Zeichnung selbst als zu jeder Zeit zutiefst persönliche Form der Aufzeichnung, die immer auch -...und vor allem... - Zeugnis ihrer eigenen Zeitgenossenschaft ist. 

links: Zeichnung Olav Christopher Jenssens, abgebildet in dessen Katalog >Journal Vol. 3< 

rechts: meine Zeichnung, nach der gespiegelten Vorlage der Umrisszeichnung Jenssens, 2017, Bunt- und Bleistifte auf Papier, 29,7 x 21 cm

oben / unten: Arbeiten aus der Serie Munch-> Jenssen-> Hennenkemper->, 
je o.T., 2016-2017, Bleistifte auf Papier, 29,7 x 21 cm

links: am Stand, Warnemünde 2014

oben: Ausstellungsansicht Re-privat, Galerie Pankow 2017,Video "appearrence" zu Munch -> Jenssen -> Hennenkemper-> history unchained, Licht und Schatten auf einem gerade in Arbeit befindlichen Zeichenblatt zur Serie. (Video: J. Szymczak, H. Hennenkemper) 

unten: Stills aus dem Video „appearance“