INHALT


- aktuell:     
"timecode  - ....I rather prefer not to...!"
Der Versuch, das Bild des Auslöschens der Informationen auf dem Lithographie-Stein zum Erscheinen zu bringen.

2019, Lithografie-Projekt, gemeinsam mit Johannes Witt



- eine archäologische Dimension der Druckgrafik

2017-2018 (Radier-Projekt)

  


- Mathematik des Genusses


2017-2018  (Radierung/Lithographie)



 
-
im Schwarm

2018 (Radier-Projekt)



- letter of exchange

2017 (Radier-Projekt)



- Memorieren, Das Erinnern des Steines

2017 (Lithografie-Projekt)

Aktuell:     

"timecode" -

...I rather prefer not to...!."

Der Versuch, das Bild des Auslöschens der Informationen auf dem Stein zum Erscheinen zu bringen. Lithographie-Projekt gemeinsam mit Johannes Witt.


"timecode"

Der Versuch, das Bild des Auslöschens der Informationen auf dem Stein zum Erscheinen zu bringen

Der Lithographiestein hat die besondere Egenschaft, dass er „genau erinnert“, wo er mit Fettkreiden oder - Tuschen in Berührung gekommen ist und wo nicht. Der Stein wird nach dem Zeichenprozess so präpariert, dass man diese Informationen - das Motiv - unter bestimmten Bedingungen immer wieder drucken kann. 

Erst das Abschleifen des Steines/ das Abtragen der obersten Steinschicht, in welchem die Motivinformationen gebunden sind, löscht diese aus und bereitet den Stein für ein neues Motiv vor. 

Aus einem „Innen der Technik heraus“ möchten wir - Johannes Witt/ Lithograph und ich - das immer ähnliche und doch immer etwas andere Bild, welches der Schleifsand auf dem Stein in Kombination mit den vorgeschriebenen Schleifbewegungen in geregelten Schwüngen aufweist, druckbar machen.

rechts: Lithostein, mit präpariertem Schleifsand geschliffen

Wir experimentieren seit 2017 mit diversen Steinen und haben nun endlich eine technische Lösung gefunden, mit der wir das Schleifbild auf dem Stein fixieren und druckbar machen können. Das Bild des Auslöschens der Informationen auf dem Stein verweist in sich selbst auf die Wiederholung, eine affirmierende wie verwerfende Geste, die sich erhebt und sogleich wieder untergeht, überschrieben wird.

Abschleifen/Körnen der Steine 

Schleifbild auf dem Lithostein

Präparieren der Steine  (J. Witt)

das Einbrennen des Schleifbildes

oben/unten: "timecode I + II und III", 2019, Hennenkemper/Witt, ca 50 x 60 cm, 
                        aus der Serie zum Erscheinen des Bildes vom Auslöschen der Bild-                
                        Informationen auf dem Lithographie-Stein

Auskopplung für die Tabor Presse Berlin:
ein Deck-Schleifstein aus der Serie -
ich freue mich auf die Drucke!

Eine archäologische Dimension der Druckgrafik -

das Verfahren als mediales Dispositiv


Während eines Arbeitsaufenthalts Ende 2017 in Porto Alegre nutzte ich die über viele historischen Maschinen verfügenden Werkstätten des Museu do Trabalho und verwendete die klassischen Verfahren der Radierung in experimenteller Weise.  Ich legte verschiedene Gegenstände oder auch Teile des eigenen Körpers auf Kupferplatten, um sie dann mit Kolophoniumstaub zu bedecken. Anschließend entfernte ich die Gegenstände vorsichtig von den Platten. Das auf den Platten verbleibende Kolophonium wurde danach wie bei dem traditionellen Radierverfahren in die Platte eingebrannt und die Platten zuletzt mit Säure geätzt.

links: Der Vesuvausbruch des Jahres 1631, Joachim von Sandrart, Matthäus Merian

>Dass der Vorgang, bei dem Platten mit Harzstaub „beregnet“ werden, an Körper erinnert, die wie in Pompeji vom Ascheregen verschüttet und später ausgegraben wurden, ist eine beabsichtigte Assoziation. Es geht der Künstlerin um eine archäogische Dimension, um eine „Archäologie“ der Kulturtechnik des Druckens, die in digitalen Zeiten mehr und mehr zu verschinden droht. So sind die Dinge, die ich auf diese Weise „abgedruckt“ werden, auch alle Werkzeuge, die beim Drucken selbst zum Einsatz kommen.<     (Ludwig Seyfarth, Berlin 2018)

oben links: Objekt 10 aus der Serie „dust“, 2017, Kollophonium auf Kupfer, 34 x 18,5 cm
oben Mitte: Objekt 03 aus der Serie „dust“, 2017, Kollophonium auf Kupfer, 35,5 x 23 cm
oben rechts: Objekt 05 aus der Serie „dust“, 2017, Kollophonium auf Kupfer, 23 x 12,5 cm
unten: das Entfernen der Objekte von den bestäubten Kupferplatten

Wie bei archäologischen Fundstücken können die so überlieferten Gegenstände nicht immer eindeutig identifiziert werden und erscheinen zum Teil sonderbar fremd und distanziert. Dieses rückt die Verschiebung der Dinge durch ihren Übertragungsprozess in den Vordergrund, das, was zwischen ihnen, ihrer Bedeutung und dem Gebrauch steht. Das Operative der aus dem Dunkel erscheinenden Werkzeuge legt vielleicht auch Assoziationen zu Freuds Archäologie des Seele nahe.

oben: Objekt 08 aus der Serie „dust“, 2017, Aquatinta auf Kupfer, 14 x 17 cm, unten: 

Objekt 07 aus der Serie „dust“, 2017, Aquatinta auf Kupfer,30 x 19 cm

oben links: Abgüsse von Bewohnern Pompejis, die während des Vesuv-Ausbruches vom Ascheregen bedeckt wurden. Die Asche wurde zu Stein, die Körper verwesten und nach Jahrhunderten gossen Archäologen diese Hohlräume aus, um das auf diese Weise bewahrte plastische Bild abzugießen und auszustellen.
oben rechts: Still aus dem Film >Hieroshima mon amour< , Alain Resnais, 1959, Drehbuch Margueride Duras 

Die Patten und die Körper darauf werden mit Kollophonium beregnet, anschließend werden Die Menschen vorsichtig von der Platte 

gehoben, das Kollophonium eingebrannt und die Platten anschließend klassisch geätzt und gedruckt.

Ausstellungseröffnung Spinnerei Leipzig, "Die Macht der Vervielfältigung"

Abdruck Die „Radierungen“, bei denen die von den Gegenständen bedeckten Stellen negativ, also hell aufscheinen, könnte man zunächst für Fotogramme halten. Und wenn schemenhaft der Oberkörper der Künstlerin zu sehen ist, erinnert das an die Durchleuchtung des Körpers bei einer Röntgenaufnahme.

Es mag aber auch eine weitere, zeitnähere archäologische Assoziation aufkommen, nämlich an die Umrisse der Opfer, die durch Helligkeit des Atomblitzes in Hiroshima in den Boden eingebrannt wurden.

Letztlich bleibt das, was wir sehen, aber für viele Interpretationen offen. Die weißen Leerstellen, die auf die verschiedenen Dinge verweisen, die auf den Platten gelegen haben, lassen ihr Aussehen nur noch schemenhaft erahnen und lassen teilweise auch an organische Materie denken, etwa an Knochen, die bei einer archäologischen Ausgrabung gefunden und zu ihrer Klassifizierung einzeln hingelegt wurden.


links: Verschüttung · 2017 · Körper und Kollophonium, Ätzradierung auf Papier · 60 x 100 cm

rechts: Objekt 06 aus der Serie „dust“, 2017, 
Aquatinta auf Kupfer,  11,5 x 24 cm

rechts: Objekt 09 aus der Serie „dust“, 2017, Aquatinta 
(Kollophonium) auf Kupfer, 40 x 17 cm

Die fertigen Drucke präsentiere ich nicht an der Wand, sondern auf kleinen Podesten, auf denen man sie von oben anschauen kann, wie bei archäologischen Fundstücken, die später in Virtrinen präsentiert werden. Die wie eine Skulpturengruppe im Raum verteilten, aus Ziegelsteinen gebildeten Podeste erinnern an eine Ruinenlandschaft.

links und unten: Ausstellungsansichten, "Die Macht der Vervielfältigung", Kurator: Gregor Janssen/ Kunsthalle Düsseldorf,  Spinnerei Leipzig 2019, Foto: Walther Le Kon

ganz oben:  Verschüttung 3-6 (aus der Serie Nacht) · 2018 · Körper und Kollophonium, Ätzradierung auf Papier · 60 x 120 cm 

oben:Verschüttung 1 (aus der Serie Nacht) · 2018 · Körper und Kollophonium, Ätzradierung auf Papier · 60 x 120 cm
unten: Ausstellungsansicht, "Die Macht der Vervielfältigung", Kurator: Gregor Janssen/ Kunsthalle Düsseldorf,  Spinnerei Leipzig 2019, Foto: Walther Le Kon

Produktions - Video: Hanna Hennenkemper, Video zur Ausstellung „Die Macht der Vervielfältigung/ O Poder da Multiplicação“, Video von >pátio vazio<  

Link:   https://vimeo.com/285895315/340fca8515?fbclid=IwAR159HglVpvGzW8xe5Wz0-_baRfJYcG4Ti_tcx8CZ5FNnNZj331LR2IlNgk

unten: Ausstellungsansicht, "Die Macht der Vervielfältigung", Kurator: Gregor Janssen/ Kunsthalle Düsseldorf,  Spinnerei Leipzig 2019,  Foto: Walther Le Kon

"Mathematik des Genusses"

Installation von 13 gerollten Papierarbeitenan der Wand - 2-farb-Radierungen, zum Teil in Kombination mit Lithographie (siehe auch Video oben)

Installationsansicht "Mathematik des Genusses", 
Museum MARGS, 
Porto Alegre/Brasilien 2018 und Spinnerei Leipzig 2018,
Foto: oben rechts: Walther Le Kon

Papierobjekt, 
Radierung von 2 Platten in 4 Druckvorgängen,
ca. 110 x 14 x 14cm
Foto: Zargo, 2017

Papierobjekt, 
Radierung von 2 Platten und Lithographie,
ca. 80 x 15 x 15cm
Foto: Zargo, 2017

IM SCHWARM
(dead or alive)


Druckgrafik und ihre Beteiligng an 
der Formatierung von Wissen und Denkprozessen

Druckgrafik als Massenmedium und reproduzierter Träger von Wissen spielt seit jeher eine große Rolle im Bereich der Bildung und prägt wesentlich unsere bildlichen und außerbildlichen Vorstellungen. Die ausgewählten, vervielfältigten und verbreiteten Bilder repräsentieren und manifestieren eine bestimmte Sichtweise, welche jene der Rezipienten manipuliert. Man denke etwa daran, wie Bilder im ethnologischen Kontext, die als erläuternde Illustrationen gefertigt wurden, unsere Bildvorstellungen und zugleich unser Denken über Ethnien beeinfluss(t)en. Indem sie derart an Stereotypisierungsprozessen beteiligt ist, eignet der Druckgrafik etwas Gewaltvolles an und erzeugt ein Spannungsfeld, dessen Hinterfragung sowohl für mich persönlich als auch im Blick auf eine zunehmend medial gelenkte und stereotypisierte Gesellschaft wichtig erscheinen mag.

found footage, www.mathematische-besteleien.de/tangram.htm

in Arbeit befindliche Kupferplatte/ Kaltnadelradierung für die Serie im Schwarm

Drucken der Serie im Schwarm, gemeinsam mit P. Böse und G.F. Margull

Über die Arbeit

In der Arbeit im Schwarm verwende ich eine im Internet gefundene Grafik, die eine Schulaufgabe dokumentiert, bei der 28 Schüler_Innen Vögel aus vorgegebenen Tangram-Elementen legen mussten. Die nahezu anonymen Bildvorlagen werden in Radierungen übertragen und als »Originalgrafik« reproduziert.
Das durch Kombinatorik und Konstruktion gewonnene, jedoch niemals gleiche Bild eines Vogels transportiert das Moment des Stereotypen, zugleich aber auch die individuelle Vorstellung und Bildlösung der/des jeweiligen Schülerin/Schülers.

oben und alle Arbeiten aus dieser Serie:  
2018, in Weiß gedruckte Radierungen von den jeweils selben 7 Platten auf taubenblauem Ingres-Papier,  alle Arbeiten 48,5 x 63,5 cm

Durch das Zusammenlegen der Platten entstehen seltsame, ja fast intime räumliche Situationen und die lebendige Kaltnadel-Struktur auf den einzelnen Platten mutet fast wie ein Tierkleid an. Dies unterstützt den Versuch einer »Re-Auratisierung«, wenn dem Geometrischen und Stereotypen der entstandenen „Vögel“ etwas von Individualität und ein Moment des Lebendigen entgegen gesetzt wird. Der Aspekt des »Neuen« liegt dabei immer in der Art des »Auslesens« oder – bei dieser Arbeit im Wortsinne – des »Auslegens«.

"Letter of exchange"

2018, Radierungen in Mischtechnik von den selben 2 Platten,  60 x 100 cm

letter of exchange I, 2018, Radierungen in Mischtechnik von den selben 2 Platten,  60 x 100 cm

letter of exchange II, 2018, Radierungen in Mischtechnik von den selben 2 Platten,  60 x 100 cm

MEMORIEREN,  Das Erinnern des Steines 

(Lithografie-Projekt, 2017)


Was auf den Stein gezeichnet ist, wird scheinbar unmittelbar auf das Papier abgedruckt. Das Verfahren ist natürlich viel komplizierter, was in Hanna Hennenkempers Serie Memorieren zum Ausdruck kommt. Hier sehen wir immer

farbintensiver werdende Zustandsdrucke von einem Lithografiestein, so dass das immer kräftiger hervortretende Motiv wie eine Erinnerung betrachtet werden kann, die langsam, Blatt um Blatt, zum Vorschein kommt. Doch auch dort, wo das Motiv am deutlichsten hervortritt, ist es gegenständlich nicht eindeutig identifizierbar.

Die „Varianten“ sind – bezeichnend für das Werk der

Künstlerin – so etwas wie unterschiedliche „Interpretationen“ einer Art formaler Partitur.  (L. Seyfarth, 2017)

rechts: Ausschnitt, Lithografiestein zu MEMORIEREN,
Keystone Presse 2015
unten: Memorieren 1-12, 2015, Lithographien von 1 Stein, langsam aufgewalzt, alle Drucke  68 x 44  cm